Orchestergeschichte

An seiner Identität als Verbandsorchester des BZVS, seiner nahen Verknüpfung mit der Lehrgangsarbeit und den frühen Zielbeschreibungen hat sich in einem halben Jahrhundert kaum etwas verändert. Bereits seit der Gründung des Bundes für Zupf- und Volksmusik (BZVS) im Jahre 1953 gab es die Idee, ein „Bundesorchester“ zu etablieren. Es sollte durch Lehrgänge, Schulungen und intensive Proben zu einem „höheren Niveau“ geführt werden, um die Spitzen- und Breitenarbeit zu fördern. In diversen Rundschreiben aus dieser Zeit sind folgende Zielsetzungen definiert: Das Bundesorchester soll Originalliteratur und Werke mit gehobenen Ansprüchen spielen. Die Mitglieder sollen Dirigenten oder herausragende Spieler der saarländischen Mitgliedsvereine sein. Das Orchester soll bei „größeren Anlässen, wie Regierungsveranstaltungen oder die Vertretung im Ausland“ als kultureller Botschafter des Saarlandes und des BZVS auftreten.

58-Rehling-Woelkiteam_1Im August 1954 fand in Tholey/Saar der erste „Dirigentenlehrgang“ des BZVS unter der musikalischen Leitung des Berliner Musikpädagogen Konrad Wölki statt. Das Abschlusskonzert des „Lehrgangsorchesters“ mit 44 Teilnehmern wurde vom Saarländischen Rundfunk übertragen. Im Anschluss an den Lehrgang wurde dieses Ensemble vom Präsidium des BZVS zum „Bundesorchester“ gekürt. Die Musiker trafen sich in recht konstanter Besetzung über einen längeren Zeitraum regelmäßig, probten und konzertierten unter der Leitung des damaligen Bundesmusikleiters Hans Schmitt.

SCHMITT-1950_1Die ersten Jahre waren – bedingt durch die zeitgeschichtlichen Umstände – schwierig und sind durch Brüche gekennzeichnet. Das Saarland war noch französisch besetzte Zone mit dem Namen „Saargebiet“. Die Menschen besaßen noch kaum einen eigenen Telefonanschluss oder gar ein Auto. Alle Kosten für Qualitätsinstrumente, Saiten und Probenbesuche trugen die Mitglieder, die zum weit überwiegenden Teil aus Arbeiterfamilien stammten, selbst. In dieser Zeit der eingeschränkten Kommunikation und Mobilität war es logistisch schwierig, ein zentrales Spitzenorchester dauerhaft aufrechtzuerhalten. Dezentrale Tendenzen in den Bundesgeneralversammlungen führten zur Schaffung von sechs Kreisorchestern, die fortan die Festprogramme der Bundesmusikfeste gestalteten. Im Bundesorchester gab es häufige Spielerwechsel und es entstand eine Diskontinuität, die sich aber immer wieder aus den Lehrgängen heraus überbrücken ließ.

Durch die alljährlichen Kurse in Rehlingen – von 1956 bis 1958 mit Konrad Wölki – vollzog sich in den Bereichen Spieltechnik, Klangkultur und Literatur ein Paradigmenwechsel. Dies bewirkte eine deutliche Niveausteigerung im Ensemblespiel und brachte tüchtige Nachwuchskräfte hervor. In den jährlichen Lehrgängen bildete sich ein Kern regelmäßiger Absolventen. Die Abschlusskonzerte wurden vom Funk aufgezeichnet. In diesen Sendungen – mit dem Titel „mit Sang und Klang aus dem Lehrgangsheim“ – spielte das Gesamtorchester unter Leitung von Konrad und Gerda Wölki. Auch kammermusikalische Darbietungen von Teilnehmern mit „gehobener Originalliteratur“ wie „Die Abendmusik“ von Kurt Schwaen erregten damals großes Aufsehen.

Konietzny-53_11959 betrat der Komponist und Hochschullehrer Heinrich Konietzny die Zupfmusikbühne. Er übernahm in den drei Lehrgängen dieses Jahres die künstlerische Leitung. Bereits im Vorjahr hatte er mit Konrad Wölki und Leo Clambour ein Curriculum und eine Prüfungsordnung für Dirigenten erstellt und an der ersten Dirigentenprüfung des BZVS als Juror mitgewirkt. Das Abschlusskonzert unter Konietzny´s Leitung wurde wie in den Vorjahren vom Saarländischen Rundfunk aufgezeichnet. Konietzny blieb dem SZO über 20 Jahre künstlerisch und freundschaftlich verbunden und schrieb eine große Anzahl richtungsweisender Werke für das Ensemble und seine Solisten.

SZO_4Für den Fortgeschrittenenkurs 1960 wurde Siegfried Behrend, Konzertgitarrist von Weltruf, als Dozent gewonnen. Behrend übernahm darüber hinaus auch die Leitung des Lehrgangsorchesters. Im Anschluss an die Rundfunkaufnahmen mit diesem Klangkörper wurde der Name „Saarländisches Zupforchester“ geprägt. Behrend wurde permanenter Orchesterleiter. Im Folgejahr kam der Mandolinen-virtuose Takashi Ochi als Dozent ins Saarland, wurde Konzertmeister des SZO und blieb als Musiklehrer und konzertierender Künstler in Deutschland. Seine künstlerische Gestaltungskraft und sein pädagogisches Wirken in Musikschulen und BZVS-Seminaren steigerte eindrucksvoll das Orchesterniveau und beflügelte die deutsche Zupfmusikszene. Das Management des Orchesters ( Finanzierung, Notenbeschaffung, Rundfunkaufnahmen, Öffentlichkeitsarbeit usw.) übernahm der Rundfunkredakteur Leo Clambour. Hervorragende Musiker waren mittlerweile herangebildet, die Besetzung des Orchesters blieb über einen langen Zeitraum stabil. Es entstand eine aufsehenerregende Aufwärtsentwicklung. Konzertreisen nach Italien, Belgien, Luxemburg, Berlin, eine große Fülle von Rundfunkaufnahmen und zwei eigene Fernsehsendungen sind Dokumente dieser Zeit, in der die deutsche Zupfmusikgeschichte vom Saarland aus geschrieben wurde. Hervorragende berühmte Solisten, wie Peter Wetzler, Tenor; Belina, Gesang; Pierre Feit und Armin Aussem, Oboe; Wilhelm Krumbach, Cembalo; Norio Oshima, Flöte; Peter Hoch, Akkordeon; Jiri Jirmal und Tadashi Sasaki, Gitarre; Siegfried Fink, Perkussion; musizierten über lange Zeiträume mit dem Orchester. Für das SZO wurden eine Fülle neuer Werke von namhaften Komponisten geschrieben. Unter der Leitung von Siegfried Behrend wurden über 150 Uraufführungen realisiert und im Saarländischen Rundfunk ausgestrahlt. Die regelmäßige intensive Zusammenarbeit mit dem SR inspirierte auch die Tonmeister Günter Braun und Helmut Fackler, diverse Werke für das SZO zu komponieren .

63-SZO-Nietrug_1Als die ministeriellen Fördermittel für die Schulungs- und Orchesterarbeit („Meisterkurse in Rehlingen“) versiegten, übernahm der Saarländische Rundfunk das Mäzenat mit großer ideeller, finanzieller und medialer Unterstützung. Der Funk vergab Kompositionsaufträge und räumte der Zupfmusikbranche beste Sendeplätze ein. Besonders die vielen Sendereihen und der europaweite Bänderaustausch führten zu einer weiten Verbreitung und Renommeesteigerung der Zupfmusik.

SZO_Wengler_1Von 1974 bis 1981 übernahm der Luxemburger Marcel Wengler die Leitung des SZO. Er studierte u.a. Komposition/ Instrumentation bei Heinrich Konietzny. Wenglers kompositorisches Oeuvre umfasst über 80 große Werke, darunter Symphonien, Instrumentalkonzerte, Filmmusiken und etliche Werke für Zupforchester. Er ist ein international agierender Dirigent, war langjähriger Assistent von Hans Werner Henze an der Musikhochschule Köln, leitet die „Luxemburg Sinfonietta“ und ist Direktor der Luxemburger Gesellschaft für Neue Musik. Wengler integrierte das Cembalo konstanter in das Orchesterspiel und ersetzte den Kontrabass durch ein Cello, was den Aufnahmen aus dieser Zeit ein unverkennbares, originäres Kolorit verleiht. In seine Ära fällt das 25-jährige Orchesterjubiläum, das mit einem Sonderkonzert im großen Sendesaal des Funkhauses Halberg begangen wurde. Aufsehenerregend war die Aufführung des Werkes „Der König von Harlem“ seines Lehrers Heinrich Konietzny in Anwesenheit des Komponisten.

SZO_19_1Helmut Fackler leitete das Saarländische Zupforchester von 1981 bis 1987. Fackler, der zahlreiche Instrumente spielt, absolvierte sein Musikstudium in der Fachrichtung Toningenieur/Tonmeister mit Hauptfach Klavier in Düsseldorf. Seit 1964 wirkte er als Tonmeister des Saarländischen Rundfunks und bekleidete weitere hohe, verantwortungsvolle Positionen in der Rundfunkanstalt. Kulturpolitisch engagierte er sich als Vorstandsmitglied im Landesmusikrat und als freier Journalist und Musikkritiker. Er komponierte zahlreiche Werke u.a. Hörspielmusiken und Chor- und Kammermusik. Für das Laienmusizieren schrieb er Kompositionen für Zupforchester, Gitarrenchor und Zitherensemble, darunter Auftragswerke für „Jugend musiziert“.

Fackler setzte als Leiter des SZO zwei literarische Schwerpunkte: alte Musik von Renaissance bis Vorklassik und konzertante zeitgenössische Musik, davon vieles aus eigener Feder. Subtile feinsinnige Interpretationen wurden sein Markenzeichen. Als Experte für Akustik veränderte er die Aufstellung des Orchesters dergestalt, dass die Mandolinen nicht mehr seitlich des Dirigenten saßen, sondern vor ihm, so dass der Klang der Instrumente frontal zum Publikum gerichtet war. Auf die tiefen Streichinstrumente verzichtete er zugunsten einer Bassgitarre.

SZO_2_1Seit 1988 steht der im Saarland geborene Gitarrist Reiner Stutz am Dirigentenpult des SZO. Stutz studierte Gitarre bei Koch, Kämmerling und Käppel sowie Tonsatz und Komposition bei Reiter. Neben seiner Konzerttätigkeit bekleidete er einen Lehrauftrag für Gitarre in Köln und Koblenz und hielt Meisterkurse im In- und Ausland. Auch als Komponist, Arrangeur und Herausgeber hat er sich einen Namen gemacht. Nach der Leitungsübernahme initiierte Reiner Stutz die Umstellung des SZOs auf die „Wuppertaler Technik“. Die Spieltechniken der alten Meister des 18. Jahrhunderts, von Marga Wilden-Hüsgen wiederentdeckt und in ihrer Mandolinenklasse in Wuppertal gelehrt, wurden in mehreren Arbeitsphasen mit Prof. Wilden-Hüsgen den Ensemblemitgliedern vermittelt. Dies trug entscheidend zur Verbesserung der Klangqualität des Orchesters bei und hat den Weg zu differenzierteren Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet.

SZO_kyoto_08Zu den besonderen Höhepunkten des Orchesters zählen mehrere Konzertreisen (USA 1998, 2002, 2012, Japan 2008) sowie die Teilnahme an den Großveranstaltungen des BDZ eurofestival-zupfmusik (Friedrichshafen 2002, Bamberg 2006, Bruchsal 2010 und 2014). Zahlreiche Rundfunkaufnahmen wurden beim SR eingespielt sowie mehrere Tonträger produziert. Pünktlich zum Jubiläumskonzert im Oktober 2014 erschien eine neue CD auf dem Markt, die Zeugnis gibt vom breitgefächerten aktuellen Schaffen des SZO.

Die Arbeit des Dirigenten wird organisatorisch durch einen Orchestervorstand unterstützt (Ansprechpartner: Nicole Forse). Eine hervorragende Bedeutung für das Orchester hat Monika Reiter, die seit mehreren Jahrzehnten als Konzertmeisterin die musikalische Entwicklung des Klangkörpers entscheidend mitprägt. Parallel zu ihrer künstlerischen Aufgabe engagierte sie sich als Orchestervorstand und Schatzmeisterin und übernahm damit große organisatorische und finanzielle Verantwortung. Wichtig ist auch die Rolle des BZVS-Präsidenten Thomas Kronenberger, der fast drei Jahrzehnte als Spieler dem SZO angehörte, in der Sicherung der wirtschaftlichen Grundlagen der Orchesterarbeit.

Im Jahre 1996 rief Josef Schuh einen Förderverein für das SZO ins Leben, den er bis 2013 als Vorsitzender leitete. Die von ihm vermittelten Spenden und Fördermittel waren und sind für die Kultur- und Jugendarbeit eminent wichtig. Dank seiner finanziellen Großherzigkeit und seines organisatorischen Geschicks hat er insbesondere für die musikalische Jugendarbeit großartige Dienste geleistet, Talente gefördert und Brücken zwischen den Generationen gebaut.

Der Förderverein der Saarländischen Landeszupforchester e.V. unterstützt mittlerweile die vier oben genannten Landesorchester des BZVS ideell und finanziell. Den Vorsitz des gemeinnützigen Vereins übernahm im Herbst 2013 Monika Reiter.